Deutscher Gewerkschaftsbund

12.02.2018
Im Riedelsaal der VHS Hildesheim

Ghostland - Reise ins Land der Geister

Kellerkino in Zusammenarbeit mit dem DGB-KV Hildesheim

FILMKRITIK:(Programmkino.de)

Im Jahre 1990 verbot der südafrikanische Staat Namibia die Jagd. Was auf den ersten Blick wie ein nachvollziehbarer Versuch wirkt, der Wilderei und dem Artensterben Einhalt zu gebieten, hatte ungeahnte Konsequenzen. Zum Beispiel für den Stamm der Ju/'Hoansi-San (die in unseren Augen merkwürdige Schreibweise rührt vom Versuch her, die von Klicklauten geprägte Sprache mit lateinischen Buchstaben zu transkribieren.), die in den kargen Steppen der namibischen Wüste leben und nicht zuletzt von der Jagd abhängig sind, bzw. abhängig waren.

Ein Stamm der Jäger und Sammler also, der nun zumindest eines Teil seiner Essenz beraubt wurde. Der namibische Staat lies die Ju/'Hoansis nun jedoch nicht einfach auf dem trockenen sitzen, sondern etablierte eine Art Freilichtmuseum, in dem die Stammesbewohnern ihre traditionellen Handwerke und Riten einem Touristenpublikum darbieten und zudem mit dem Verkauf von Ketten, Schmuck und anderem Selbstgemachtem Geld verdienen. Doch durch den Kontakt der Kulturen verändert sich viel mehr, als anfangs gedacht.

Der Umgang mit Touristen, generell mit einem modernen Lebensstil beeinflusst z.B. die Kleiderwahl der Buschmänner, die im privaten T-Shirts und Hosen oder Röcke tragen. Nur wenn die Reisebusse der Touristen ankommen, ziehen sie ihre traditionellen Lendenschürze an, sie haben offenbar schnell gelernt, was der Tourist erwartet. Spannende Wechselbeziehungen ergeben sich hier und diese anzudeuten ist die größte Stärke der Dokumentation.

Immer wieder übernimmt die Kamera die Perspektive der Buschmänner, besonders wenn diese von Touristen angestarrt und fotografiert werden, kaum anders als Tiere in Zoo. Das es gerade dieses mehr oder weniger freiwillige zur Schaustellen ist, das den Ju/'Hoansi überhaupt erst Einnahmequellen und damit ihr Überleben ermöglicht, ist eine feine Ironie, die gar nicht groß betont werden muss.

Besonders spannend wird es nun aber, wenn vier Mitglieder des Stammes für ein Projekt nach Frankfurt eingeladen werden, wo sie vor allem Schulklassen von ihrem Leben berichten. Nun sind es die in Daunenjacken gehüllten Afrikaner, die mit den Augen der Fremden blicken, sich über die Hochhäuser wundern und generell vom Leben im Westen irritiert sind. Mit bemerkenswerter Selbstreflexion beschreiben sie diese ungewöhnliche Position, ohne dass die Regisseure dies noch selbst unterstreichen müssen.

Man könnte zwar bemängeln, das bisweilen etwas sehr mit Kontext gespart wird, das es in manchen Momenten nützlich gewesen wäre, ein wenig mehr über das Leben und die Geschichte der Ju/'Hoansi zu erfahren, als durch das bloße Beobachten vermittelt wird. Andererseits ist es gerade diese Zurückhaltung, der Verzicht auf Einordnung oder gar Wertung, die „Ghostland - Reise ins Land der Geister“ sehenswert macht. Denn eine Dokumentation, die nicht gescriptet ist, die nicht einem schon vor den Dreharbeiten feststehendem Muster folgt, die nur Bilder sucht, um eine These zu untermalen, sondern offen und mit Neugier an ein Thema herangeht, das ist heutzutage etwas all zu seltenes.

Michael Meyns


Nachträgliche Anmerkung:
+ nicht der namibische staat hat sich eine lösung des problems ausgedacht, sondern freunde der ju/'hoansi sind mit der idee eines lebenden museums an das dorf rangetreten und seitdem verwaltet der stamm das museum erfolgreich selbstständig.
+ die vier europa-reisenden sind von der niedersächsischen bildungsinitiative eingeladen worden und haben in göttingen in einem projekt (um.welt) mit schulklassen gearbeitet.
catenia lermer ( co-director ghostland)


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